Ein offener Brief an alle Frauen, die nicht masturbieren

An Open Letter to All the Women Who Don't Masturbate

Lass uns mal ganz ehrlich sein. Es gibt da etwas, worüber wir sprechen müssen, und es könnte sein, dass du dabei ein wenig errötest. Keine Sorge, das ist völlig normal. Ich spreche von Selbstliebe, Solo-Sex oder, wie es meistens genannt wird: Masturbation.

Wenn du diesen Aspekt deiner Sexualität noch nie erkundet hast, wenn du es versucht hast, dich aber unwohl dabei fühltest, oder wenn dir gesagt wurde, dass man so etwas nicht tut – dann ist dieser Brief für dich.

Die überraschenden Zahlen

Du bist nicht allein. Etwa 10-15% der Frauen geben an, noch nie masturbiert zu haben (Herbenick et al., 2018). Aus den verschiedensten Gründen – kulturellen, religiösen oder ganz persönlichen – haben viele Frauen die Selbstbefriedigung nicht in ihr Leben integriert.

Aber die Sache ist die: Seinen eigenen Körper zu verstehen, hat nicht nur mit Vergnügen zu tun (obwohl das ein ziemlich fantastischer Nebeneffekt ist). Es geht darum, sich selbst, die eigenen Bedürfnisse und Reaktionen auf eine Weise kennenzulernen, wie es einem niemand sonst beibringen kann.

Sprechen wir über die Tabus

"Es fühlt sich falsch oder schmutzig an"

Über Generationen hinweg wurde weibliche Lust mit Scham und Geheimniskrämerei umhüllt. Viele von uns sind in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Masturbation ein Tabuthema war, besonders für Frauen.

In der Gesellschaft herrscht oft diese frustrierende Doppelmoral: Männliche Selbstbefriedigung wird oft als "Jungs sind halt Jungs" normalisiert, während weibliche Masturbation als etwas Schambehaftetes oder gar Nichtexistentes behandelt wird.

Aber dein Körper gehört dir. Deine Lust gehört dir. Und egal, was man dir vielleicht erzählt hat: Den eigenen Körper zu erkunden, ist ein natürlicher Teil des Menschseins.

"Ich weiß nicht, wie es geht"

Das ist unglaublich verbreitet! Sexualaufklärung konzentriert sich oft auf Fortpflanzung und Enthaltsamkeit statt auf Vergnügen, insbesondere auf das weibliche Vergnügen.

Die Wahrheit ist: Es gibt nicht den einen "richtigen Weg" zu masturbieren. Jeder Körper reagiert anders auf verschiedene Arten der Berührung. Manche Frauen bevorzugen die direkte Stimulation der Klitoris, andere genießen Penetration, und viele mögen eine Kombination aus verschiedenen Techniken.

Der einzige Weg herauszufinden, was für dich funktioniert, ist, es mit Geduld und Neugier zu erkunden. Betrachte es wie das Erlernen einer neuen Fähigkeit: Es braucht Übung, und das ist völlig okay.

"Ich brauche das nicht, weil ich einen Partner habe"

Einen Partner zu haben und zu masturbieren, schließt sich nicht gegenseitig aus. Tatsächlich kann das Wissen darüber, was dir Lust bereitet, die Intimität mit einem Partner sogar vertiefen.

Dr. Emily Nagoski, Sexualpädagogin und Autorin von "Come As You Are", erklärt: "Etwas über die eigene sexuelle Reaktion zu lernen, ist eines der wichtigsten Dinge, die man für sein sexuelles Wohlbefinden tun kann, egal ob man Single ist oder in einer Beziehung lebt" (Nagoski, 2015).

Wenn du weißt, was bei dir funktioniert, kannst du diese Vorlieben deinem Partner mitteilen, was zu befriedigenderen Erlebnissen für euch beide führt.

Vorteile jenseits des Vergnügens

Selbstliebe dreht sich nicht nur um – nun ja – das Vergnügen (obwohl das ein toller Bonus ist). Es gibt tatsächliche gesundheitliche Vorteile, die mit Masturbation verbunden sind:

Körperliche Vorteile
  • Stressabbau: Orgasmen setzen Endorphine frei, jene Glückshormone, die helfen, Stress zu reduzieren und die Stimmung zu heben.
  • Besserer Schlaf: Viele Menschen stellen fest, dass Orgasmen ihnen helfen, leichter einzuschlafen.
  • Schmerzlinderung: Einige Frauen berichten, dass Masturbation helfen kann, Menstruationsbeschwerden zu lindern.
  • Stärkung des Beckenbodens: Die Kontraktionen während eines Orgasmus können helfen, die Beckenbodenmuskulatur zu stärken.
Emotionale Vorteile
  • Körperliches Selbstvertrauen: Sich mit dem eigenen Körper wohlzufühlen, kann das allgemeine Körperbild stärken.
  • Sexuelle Autonomie: Die Verantwortung für das eigene Vergnügen zu übernehmen, hilft dabei, gesunde Grenzen in allen Lebensbereichen zu setzen.
  • Weniger Abhängigkeit: Du bist für deine sexuelle Zufriedenheit nicht allein auf einen Partner angewiesen.

Deine Reise beginnen (wenn du möchtest)

Wenn du neugierig darauf bist, Selbstliebe zu erkunden, aber nicht sicher bist, wo du anfangen sollst, sind hier einige sanfte Vorschläge:

Schaffe das richtige Umfeld

Privatsphäre ist essenziell, besonders am Anfang. Sorge dafür, dass du Zeit für dich hast, ohne Angst vor Unterbrechungen. Gestalte einen gemütlichen Raum, vielleicht mit gedimmtem Licht, sanfter Musik oder was auch immer dir hilft, dich zu entspannen.

Lass es langsam angehen

Es gibt keine Eile. Fang einfach damit an, verschiedene Teile deines Körpers zu berühren und zu spüren, was sich gut anfühlt. Achte auf deine Reaktionen. Was erzeugt ein angenehmes Gefühl? Wovon hättest du gerne mehr?

Die Sexualtherapeutin Dr. Laurie Mintz schlägt vor: "Gehe die Selbsterkundung mit Neugier statt mit Erwartungen an. Das Ziel ist nicht unbedingt der Orgasmus, sondern die Entdeckung" (Mintz, 2017).

Nutze Ressourcen

Es gibt hervorragende Bücher, Websites und sogar Apps, die Frauen bei der Selbsterkundung anleiten. Suche nach körperpositiven, pädagogischen Ressourcen statt nach Pornografie, die das weibliche Vergnügen oft nicht realistisch darstellt.

Es ist völlig okay, wenn es nichts für dich ist

Hier ist etwas ganz Wichtiges: Masturbation ist eine persönliche Entscheidung. Wenn du darüber nachgedacht und entschieden hast, dass es nichts ist, was du tun möchtest – aus welchen Gründen auch immer –, dann ist das absolut legitim.

Deine körperliche Selbstbestimmung beinhaltet das Recht, "Nein" zu sagen, genauso wie "Ja". Was am meisten zählt, ist, dass deine Entscheidungen aus einer persönlichen Wahl heraus getroffen werden und nicht aus Scham oder Fehlinformationen.

Ein Hinweis zu unterschiedlichen Erfahrungen

Jede Beziehung zum eigenen Körper und zur Sexualität ist einzigartig. Der kulturelle Hintergrund, religiöse Überzeugungen, vergangene Erfahrungen und viele andere Faktoren prägen, wie wir Lust wahrnehmen und erleben.

Einige Frauen haben vielleicht Traumata erlebt, die Selbstberührungen schwierig oder belastend machen. Wenn das auf dich zutrifft, sei bitte behutsam mit dir selbst. Professionelle Unterstützung durch einen Therapeuten, der auf sexuelle Gesundheit spezialisiert ist, kann hier unglaublich hilfreich sein.

FAQ: Antworten auf deine Fragen

Ist es normal, sich am Anfang komisch oder verlegen zu fühlen?

Absolut! Die meisten Menschen fühlen sich ein wenig unwohl, wenn sie etwas Neues ausprobieren, besonders bei etwas so Persönlichem. Dieses Gefühl verblasst normalerweise mit der Zeit.

Was, wenn ich keinen Orgasmus bekomme?

Ein Orgasmus ist nicht das einzige Maß für ein befriedigendes Erlebnis. Viele Frauen genießen den Weg dorthin, ohne unbedingt jedes Mal den Höhepunkt zu erreichen. Wenn der Orgasmus dein Ziel ist, braucht es vielleicht Übung und Geduld, um zu lernen, was für deinen einzigartigen Körper funktioniert.

Beeinflusst Masturbation meine zukünftigen Beziehungen?

Das Verständnis der eigenen Lust kann die Intimität mit Partnern sogar vertiefen. Wenn du weißt, was du genießt, kannst du diese Vorlieben kommunizieren, was zu befriedigenderen Erlebnissen für alle Beteiligten führt.

Kann man zu viel masturbieren?

Solange Masturbation deine täglichen Aktivitäten, Beziehungen oder Verpflichtungen nicht beeinträchtigt, ist sie wahrscheinlich nicht übermäßig. Wenn du jedoch das Gefühl hast, dass es zwanghaft wird oder Leidensdruck verursacht, kann ein Gespräch mit einem Arzt oder Therapeuten hilfreich sein.

Zum Abschluss

Egal, ob du dich entscheidest, Selbstliebe zu erkunden oder nicht: Ich hoffe, dieser Brief hat dir gezeigt, dass deine Gefühle – wie auch immer sie aussehen mögen – berechtigt sind. Dein Körper gehört dir, um ihn kennenzulernen, zu verstehen und so für ihn zu sorgen, wie es sich für dich richtig anfühlt.

Sexuelles Wohlbefinden ist nur ein Teil des allgemeinen Wohlbefindens, und die Reise sieht bei jedem Menschen anders aus. Das Wichtigste ist, dass deine Entscheidungen auf Selbsterkenntnis und persönlicher Handlungsfreiheit basieren und nicht auf externem Druck oder Scham.

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Quellen

Herbenick, D., Reece, M., Schick, V., Sanders, S. A., Dodge, B., & Fortenberry, J. D. (2018). Sexual behavior in the United States: Results from a national probability sample of men and women ages 14-94. The Journal of Sexual Medicine, 7(5), 255-265.

Mintz, L. (2017). Becoming cliterate: Why orgasm equality matters—and how to get it. HarperCollins.

Nagoski, E. (2015). Come as you are: The surprising new science that will transform your sex life. Simon & Schuster.

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